Ein Foto-Wettbewerb
Es war schon nachmittags, als ein acht bis neunjähriges Mädchen mit ihrer Oma Arm in Arm an unseren Stand kam und recht schnell und klaren Blickes in Richtung eines Fotos auf der linken Seite unserer kleinen Ausstellung blickte.
Es war ein Foto mit zwei Delfinen, die unterhalb der Wasserlinie - in leicht schwankendes Blau gehüllt - nah neben dem Boot im Sonnenschatten etwas geisterhaft vorbeischwammen.
Schwache wellige Lichtreflexe durchzogen den aufgenommenen Moment.
Dieses Bild führte nun zu einem Dialog zwischen Oma und Enkelin, wobei das Mädchen kein Wort sprach, sondern nur durch ihre Blicke vermittelte, was sie wollte.
- Also, du magst dieses Bild!
- Das Kind nickt.
- Aber vorhin hast du einen Ring gesehen, den du auch gerne haben wolltest.
- Nickende Zustimmung.
- Und jetzt sind wir hier und du möchtest dieses Bild haben.
- Stumme Bejahung.
- Du weißt aber, dass ich dir nicht beides kaufen kann! Du musst dich für eines entscheiden. Magst du nun den Ring oder das Bild?
- Sie zeigt mit dem Kopf leicht auf das Bild.
- Vorhin wolltest du aber auch ganz doll den Ring! Was ist, wenn du das Bild dann hast, mit dem anderen Wunsch? Willst du den Ring dann nicht mehr?
- Sie verneint vorsichtig.
- Also, pass auf, wir machen noch einmal eine Runde und gehen an dem Stand mit dem Ring vorbei und gucken uns den noch einmal an. Was hältst du davon?
Mein persönlicher Eindruck war: Eigentlich hielt das Mädchen gar nichts davon!
Aber es ist natürlich besser, man hält sich bei solchen Gelegenheiten aus dem Geschehen heraus und lässt alles seinen Gang gehen.
Einige Zeit war vergangen und wir rechneten schon nicht mehr mit einem Wiedersehen, da standen Oma und Enkelin noch einmal vor uns. Die Sache schien entschieden und zwar zugunsten der im Meer schwebenden Delfine.
Während die Oma noch einmal den Entscheidungsprozess für alle kurz zusammenfasste, stand die kleine Enkeltochter weiterhin schweigend dabei. Aber ihr Gesicht, ihr Blick strahlte in aller Stille und Glücksseligkeit, wie man es nur kennt, wenn zu Weihnachten die erwartungsvollen Gesichter auf die vor ihnen liegenden Geschenke schauen und sich verheißungsvolle Freude offenbart, da gleich alle Vorfreude zu großer Freude wechselt, und die Geschenke in die Hände genommen werden können und ein großer Wunsch wahr werden kann.
Was für ein Glück kann man beim eigenen Betrachten empfinden! Diesen über die ganze Zeit bestehenden sehnsuchtsvollen Blick: Vom ersten Wahrnehmen des Bildes, bis zu dem Moment, wo der Wunsch sich erfüllt und das Bild in den Händen gehalten werden kann.
So weiß man, wem das Bild jetzt gehört und Freude bereitet. Und - dass ein Foto gegenüber einem Ring den Zuspruch bekam.
Das finde ich schon bemerkenswert und auch schön!
